Microservices – Wozu?

Wie schon erwähnt gilt es eine ganze Menge Infrastruktur aufzusetzen, bevor man eine größere, Microservice basierte Anwendung bauen kann. Warum sollte man sich diesem Stress aussetzen? Ist ein Monolith nicht viel handlicher?

Die Sache mit der Skalierung

Eine der klassischen Antworten ist „Microservices skalieren viel besser“. Ist das so?

Ich hatte vor gut 16 Jahren schon einmal das Vergnügen mit einer Service basierten Architektur zu programmieren. Und wir haben enorm viel Zeit darauf verwendet, diese Architektur schnell zu machen. Letztendlich stellte sich heraus, dass unsere Services so feingranular waren, dass sie den größten Teil ihrer Rechenzeit mit der Kommunikation mit anderen Services verbrachten. Anders gesagt, wenn ich einen lokalen Funktionsaufruf durch einen Netzwerkaufruf ersetze, wird die Anwendung damit erst einmal nicht schneller. Also ist im Zweifelsfall ein Monolith, den ich als ganzen parallelisieren kann, gar nicht so doof.

Das kann bei rechenintensiven Aufgaben schon wieder ganz anders aussehen, wenn eben halt diese zeitaufwändige Service über mehrere Maschinen verteilt wird.

Dei Antwort ist also, wie meist, „es kommt drauf an“.

Das war nebenbei einer der Gründe, warum ich mich damals auf Java EE gestürzt habe: Ich mochte einfach die Möglichkeit mit einfacher Konfiguration zu entscheiden, ob ich EJBs lokal oder remote verteile. Und ich hatte keine Lust mehr unfassbar viel Infrastrukturcode zu schreiben.

Organisation

Ein wirklich guter Grund für Microservices ist Organisation. Wenn ich ein kleines Startup bin mit vielleicht 5 Entwicklern, ist die Aufteilung in Services und einzelnes Deployment dieser Services ein ziemlich bremsender Overhead. Wenn das Programm aber komplexer wird und wir mehrere Teams haben, die unterschiedliche Bereiche eines Programms parallel bearbeiten sollen, ist es enorm Hilfreich, wenn diese Bereiche tatsächlich voneinander getrennt sind.

„Ja, aber wir machen voll so Domain Driven Design und von daher haben wir ohnehin keine Überschneidungen im Code.“ Glückwunsch. Euer Code ist vorausschauend entwickelt worden und lässt sich prima schneiden und in einzelne Microservices aufteilen. Gesehen habe ich das allerdings noch nie.

Programmierer sind faul. Insbesondere gute Programmierer. Insbesondere in der Anfangsphase einer neuen Anwendung bedeutet fast jede Anforderung, dass man jeden Bereich des Programms anfassen muss. Alle Schnittstellen sind in permanenter Veränderung. Und bevor man für so eine kleine Änderung jetzt in 7 Dateien rumwerkelt, kann man doch die Funktionalität einfach mal eben schnell hier reinbauen.

Wenn man sich nicht ständig in den Codereviews gegenseitig mit der Nase darauf stößt und nicht ständig refactored, hat man innerhalb erstaunlich kurzer Zeit den unwartbarsten Codeknäul, den niemand mehr anfassen mag. Bei Microservices ist die Application physisch getrennt. Das kann – zumindest theoretisch – dafür sorgen, dass das Domainmodell stabiler bleibt und erhöht die Wartbarkeit des Codes.

Natürlich greifen die ganzen Vorteile von modularer oder komponentenorientierter oder domainorientierter Architektur auch bei Microservices: Bessere Testbarkeit der eizelnen Services, verständlicherer Code, da der sich nur mit einem Bereich beschäftigt.

Die Sache mit der Wolke

Ein anderer guter Grund für Microservices dürfte diese Cloud Sache sein. Große Cloudinstanzen sind ziemlich teuer. Was man für eine kosteneffiziente Nutzung von AWS und Konsorten möchte, sind relativ feingranulare, günstige Instanzen, die man je nach bedarf dynamisch hochskalieren kann, wenn sie gebraucht werden. Ein Batch Service, der monatlich Abrechnungen macht? Dieser wird monatlich hochgefahren und belegt außerhalb der Zeit keine Ressourcen. Durch irgendeinen Facebook Hype will plötzlich das ganze Internet eine bestimmte Funktionalität der Anwendung nutzen? Für die Dauer des Hypes werden automatisch entsprechende Instanzen hochgefahren.

Microservices sind DIE Architektur der Cloud. Wer das Cloud Modell wählt, wird um Microservices nicht herumkommen. Ist so. Der Erfolg der Cloud bedingt direkt den Erfolg von Microservices. Das ist an sich schon das Killerargument schlechthin: Da alle Cloud machen, machen auch alle Microservices.

Technik Firlefanz

Poliglott Programming irgendwer? Klar, das war auch zu Java EE Zeiten schon mal ein Thema. Es gibt unfassbar viele JVM Sprachen. Aber da die minimalisierte Systemumgebung mit Docker gleich mitdeployed wird, kann man tatsächlich in jeder Sprache Microservices bauen. Ein bestimmtes Problem lässt sich elegant in Haskell  lösen? Schreibt man halt einen Service in Haskell. Ich brauche was mit geteilten Datenstrukturen die idealerweise in den CPU Cache passen? Ok, schreibe ich halt was in C++. Irrsinnige, mathematische Geschichten? Ok, schreibe ich alt in R. Nie war „right tool for the job“ leichter umzusetzen als mit Microservices.

Außerdem braucht man prinzipiell keine Frameworks mehr – doch dazu mehr im dritten Artikel.

Ownership

Da ein Microservice üblicherweise klein (halt micro) ist und irgendetwas cooles den auf Knopfdruck in die Cloud schiebt (hoffentlich), gehört selbst in großen Firmen der Service dem Team. Das Team ist vollständig für den Service verantwortlich. Es gibt kein „ich baue eine Version und nach einem Jahr wird das Modul  mit dem nächsten großen Build veröffentlicht“ sondern es passiert gleich. In dem Augenblick, wo die Änderungen an dem Modul fertig sind, wird es live gestellt. Man kann also sofort sehen, wie sich die Änderungen im System auswirken. Continuous Delivery ist mit einem Monolithen, freundlich gesagt, etwas mühselig – bei Microservices ist es Teil der Philosophie. Wie oft continuous ist, darüber lässt sich trefflich streiten – darüber aber später mehr.

Es gibt also offensichtlich technische sowie organisatorische Aspekte zu  beachten. Welche das sind, dazu in den folgenden Artikeln mehr.

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